Charaktere aus Clair Obscur: Expedition 33 in einer surrealen Fantasy-Landschaft mit schwebenden Felsen

Neun Awards und ein fast schon einstimmiger Jubel. Clair Obscur: Expedition 33 galt bei den Game Awards als unantastbar. Doch war dieser Triumph wirklich alternativlos oder fehlte nur die Diskussion?

Wenn ein einzelnes Spiel eine Preisverleihung nahezu leer räumt, entsteht automatisch ein Ungleichgewicht. Nicht nur auf der Bühne, sondern auch in der Wahrnehmung. Clair Obscur: Expedition 33 war bei den Game Awards allgegenwärtig. Es war wie als Maßstab, als Liebling, als scheinbar logische Wahl.

Ich habe das Spiel selbst erlebt, nicht nur angespielt, sondern vollständig durchlaufen. Und genau deshalb blieb bei mir nach dem Abspann weniger Euphorie zurück als erwartet. Denn zwischen künstlerischer Strahlkraft, emotionaler Inszenierung und spielerischer Langzeitmotivation liegen manchmal feine, aber entscheidende Unterschiede. Unterschiede, die im Rampenlicht großer Awards schnell verschwimmen.

Warum der Game Pass 2025 kaum noch ein gutes Angebot ist, habe ich hier ausführlicher eingeordnet.

Clair Obscur: Expedition 33 mit starkem Beginn

Der Einstieg ist stark. Die Gommage, der wuchtige Soundtrack, die Inszenierung, all das hat mich direkt abgeholt. Emotionen werden transportiert, die Welt wirkt eigenständig, beinahe hypnotisch. Gerade in den ersten Stunden entfaltet das Spiel eine Wucht, die man nicht oft erlebt.

Auch spielerisch wusste Expedition 33 zunächst zu überzeugen. Die Expedition kommt zügig in Gang, das rundenbasierte Kampfsystem mit seinen reaktionsschnellen Echtzeit-Elementen fühlt sich frisch an und motiviert. Die ersten zehn Stunden hatte ich wirklich das Gefühl, etwas Besonderes zu spielen.

Doch danach begann für mich der Bruch. Die Geschichte verlor an Zugkraft, einige Entwicklungen wurden vorhersehbar, und gerade die Nebenquests wirkten zunehmend ernüchternd. Nicht schlecht, aber auch nicht auf dem Niveau, das der Einstieg versprach. Genau hier begann ich mich zu fragen, ob das Spiel seinem eigenen Hype dauerhaft gerecht wird.

Neun Awards – ein Spiel im Ausnahmezustand

Zerstörte Stadtlandschaft in Clair Obscur: Expedition 33 mit surrealen Himmelsformationen
Quelle: Sandfall Interactive

Bei den Game Awards 2025 ließ Clair Obscur: Expedition 33 schließlich kaum etwas übrig. Neun Auszeichnungen sprechen eine klare Sprache:

  • Game of the Year
  • Best Game Direction
  • Best Narrative
  • Best Art Direction
  • Best Score and Music
  • Best RPG
  • Best Independent Game
  • Best Debut Indie Game
  • Best Performance (Jennifer English)

Das ist phänomenal, keine Frage. Und vieles davon ist auch absolut nachvollziehbar, vor allem Musik, Art Direction und Inszenierung gehören zum Besten, was das Jahr hervorgebracht hat. Trotzdem bleibt für mich ein schaler Beigeschmack. Denn wenn ein Spiel nahezu alles gewinnt, stellt sich zwangsläufig die Frage: Wurde hier wirklich differenziert bewertet, oder war der emotionale Ersteindruck zu dominant?

Warum Kingdom Come: Deliverance II für mich das stärkere Spiel ist

Mein persönlicher Sieger ist Kingdom Come: Deliverance II. Trotz seiner riesigen Welt hielt mich das Spiel konstant bei der Stange. Nebenquests fühlten sich selten repetitiv an, fast alles wirkte wie aus einem Guss. Die Fortsetzung ist in nahezu allen Punkten eine klare Weiterentwicklung gegenüber dem Erstling.

Das Kampfsystem ist zugänglicher, ohne an Tiefe zu verlieren. Die Umgebungen sind sichtbar detailreicher, glaubwürdiger, lebendiger. Auf Steam sind 94 Prozent der Spieler überzeugt, auf Metacritic kommt das Spiel auf starke 88 Punkte. Meiner Meinung nach hätten sogar über 90 drin sein können.

Dorfbewohner in Kingdom Come: Deliverance II vor einer mittelalterlichen Siedlung mit Burg im Hintergrund
Quelle: Warhorse Studios

Was KCD II für mich besonders macht, ist das Learning-by-doing-System. Wer kämpft, wird besser im Kampf. Wer schmiedet, lernt das Schmieden. Es gibt kein generisches Levelsystem, sondern organisches Wachstum. Das fühlt sich authentisch an, fast wie im echten Leben. Auch erzählerisch hat mich Kingdom Come: Deliverance II langfristig stärker abgeholt als Clair Obscur.

Natürlich ist das alles subjektiv. Aber genau deshalb tue ich mich schwer damit, Expedition 33 als das unumstrittene Spiel des Jahres zu sehen. Es ist ein gutes, stellenweise sehr gutes Spiel, doch für mich ist es überbewertet. Der frühe Eindruck war überwältigend, die Gesamterfahrung hingegen nicht durchgehend auf diesem Niveau.

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Frage hinter dem Award-Regen: Belohnen wir bei solchen Veranstaltungen das beste Gesamtspiel, oder den stärksten ersten Eindruck? Wie fandet ihr das Event? War für euch alles genau richtig?

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